Epistemische Fragilität: Eine Voraussetzung künstlerischer Kooperation?
Zu seinem philosophischen Impuls im Rahmen des Projekts «fragil» des Bunds bildender Künstlerinnen und Künstler Leipzig e. V. hat unser Akteur Dr. Fabian Schwitter einen Bericht verfasst.
Woran wir zuerst denken? Und wie lange wir angesichts einer Irritation daran denken? Spreche ich als Philosoph unter Künstler:innen (Maleri:innen, Bildhauer:innen, Grafiker:innen, Musiker:innen, Komponist:innen), musste zu meiner Erleichterung der erwartete Einwand fallen: Du kommst eben vom Wort her.
Am 11. Februar 2026 fragte der Bund bildender Künstlerinnen und Künstler Leipzig e. V. (BBK Leipzig) beim Transformatorenwerk an, ob ein:e Philosoph:in die Auftaktsveranstaltung zum Projekt «fragil» mit einem philosophischen Input bereichern könne. Ich meldete mich umgehend und erhielt vom Vorstand den Zuschlag. Am 25. März 2026 hielt ich im Kulturhof Gohlis als akademisch ausgebildeter Philosoph und Mitglied des Transformatorenwerks Leipzig e. V. einen Impulsvortrag mit anschließender Gesprächsmoderation.
Der BBK Leipzig strebt in diesem Projekt eine Kooperation zwischen bildenden Künstler:innen und Musiker:innen an – mit dem Ziel, nicht nur spartenübergreifende Werke hervorzubringen, sondern diese auch einem guten Zweck zuzuführen. Am Ursprung des Projekts steht die Geschichte eines Textildesigners, der aufgrund persönlicher Erlebnisse beschloss, seine Kunst für das Wohl ausgegrenzter Menschen einzusetzen. So gründete er die sheltersuit foundation, die aus wiederverwendeten Materialien hochfunktionale (Schlaf-)Bekleidung für wohnungslose Menschen herstellt. Diese Geschichte inspirierte den BBK Leipzig zum Projekt «fragil».
Der Satz, du kommst eben vom Wort her, suggeriert – fast will ich dabei an unser alltägliches Verhältnis zu ausgegrenzter Menschen denken – eine fundamentale Andersartigkeit. Er verweist auf die Grenzziehung zwischen fachlichen Disziplinen und der daraus resultierenden Fragmentierung. Wir sprechen von der bildenden Kunst, als sei sie etwas Anderes als die Musik. Noch in erhöhtem Mass trifft dies zu, wenn die Philosophie auf die Künste trifft. Du kommst eben vom Wort her, was vermutlich heissen will, vom Denken.
Ich will nicht in Abrede stellen, dass sich die Musik in einem anderen Medium als die bildende Kunst bewegt. Die dezidierte Zuschreibung einer Herkunftsdisziplin allerdings weckt in mir eine Vorstellung von Bequemlichkeit. Im Rahmen des Projekts besteht das Angebot, sich ausgerüstet mit einem sheltersuit zumindest für eine Nacht in die unbequeme Lebenswelt wohnungsloser Menschen zu begeben. Für Kunst wie Philosophie, das nur eine Zwischenbemerkung, vielleicht eine wohltuende Begegnung mit dem Boden der Tatsachen.
Die aufschlussreiche Frage eines Komponisten an die anwesenden Vertreter:innen der bildenden Künste folgt fast zwangsläufig aus den Bedingungen, unter denen wir Kunst verstehen, organisieren und schaffen: Seid ihr überhaupt offen für eine Kooperation? Besagter Komponist hatte jedoch bei der vorangegangenen Projektvorstellung ein fast fertiggestelltes Werk präsentiert. Zwar wies er selbst auf diesen Umstand hin. Trotz seines offensiven Ansprechens sowohl der eigenen Befangenheit als auch der notwendigen Offenheit der Kolleg:innen im Projekt bleibt das Dilemma bestehen.
Die Kooperation unterschiedlicher Kunstsparten in einem emphatischen Sinn ist der Zweck des Projekts «fragil». Die nachträgliche Bebilderung der Matthäus-Passion etwa, so das Beispiel einer Teilnehmerin, führt schliesslich einzig zu einer störenden Parallelität. Die Bilder beschneiden die Musik, die Musik beschneidet die Bilder. Der Weg zu dieser Kooperation, die Erfolgsaussichten des Projekts – das Wort wurde bereits an diesem ersten Projektnachmittag zum running gag – ist fragil.
Offensichtlich reicht es nicht, aus der einen Sparte heraus nachträglich auf ein fertiges Werk aus der anderen Sparte zu reagieren. Aber wie arbeiten Künstler:innen unterschiedlicher Sparten, die sich im Alltag innerhalb ihrer Sparte bewegen, zusammen? Wie lässt sich – gewissermassen unter den Laborbedingungen des BBK Leipzig – Kooperation angesichts von Förderbedingungen in der Hoffnung auf echte Kooperation und gemeinschaftlich geschaffene Werke anstelle eines willkürlichen Nebeneinanders im Voraus definierten Kunstsparten (Musik, Malerei…) unterlaufen?
Für einen Nachmittag lang war ich Philosoph. Bin ich Philosoph? Ja, manchmal. Unter anderem. Fragilität erweist sich nicht zuletzt als Zuschreibung, die unter der Bedingung vorgefertigter Vorstellung steht. Halte ich – vielleicht aus Angst – trotz zunehmenden Widerstands an meiner Vorstellung fest, wird diese brüchig. Fragilität, so eine meiner Einsichten im Nachdenken über das Thema, ist der verschwindend kleine Moment, in dem zwei Dinge hart aufeinanderprallen. Vor diesem Moment sind sie stabil, nach diesem Moment kaputt. Aber was ist mit dem Moment des Aufpralls?
Zumindest die Bereitschaft zur Kooperation, haben alle Anwesenden bekundet. Eine mögliche Voraussetzung des Gelingens ist vielleicht eine Art Selbstfragilisierung. Im Kontext der Werkstatt des Transformatorenwerks prägte die Kulturwissenschaftlerin Cornelia Rank einmal das treffende Wort «epistemische Verletzlichkeit». Das Projekt – die Infragestellung des eigenen Wissens, der eigenen Expertise, der eigenen Disziplin als Voraussetzung für Kooperation – hat begonnen.